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In den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs wurde die Ulmer Festung ein letztes Mal ausgebaut und armiert. Der Förderkreis Bundesfestung Ulm nimmt dies zum Anlass und macht erstmals den 1914 erbauten "Stützpunkt 58" der Öffentlichkeit zugänglich, der künftig ein weiterer Teil des mehrere Werke umfassenden musealen Konzepts des Förderkreises sein soll. Außerdem hat der Verein ein Veranstaltungsprogramm zusammengestellt, das die 1914/15 gebauten Festungswerke zum Inhalt hat, aber auch über diese hinausblickt. Am 28.3.2014 stellte der Förderkreis im Beisein von Neu-Ulms Oberbürgermeister Gerold Noerenberg und Ulms Stadtarchivleiter Prof.Dr.Wettengel den Stützpunkt 58 und das Jahresprogramm erstmals der Öffentlichkeit vor.

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Mit dem Veranstaltungsprogramm sollen die schweigenden steinernen Zeitzeugen zum Sprechen gebracht werden - es braucht viel Fachkenntnis, um die unscheinbaren Betonbunker und ihre Geschichte zu erklären. Vorträge und Führungen (auch mit dem Fahrrad) zu den Ulmer und Neu-Ulmer Festungsresten dieser Zeit bilden den einen Aspekt. Der andere Aspekt ist, über den Tellerrand hinauszuschauen, indem die Festungen Mainz und Straßburg und auch strategischen Erwägungen zu dieser Zeit ganz allgemein in den Fokus gerückt werden.

Was ist das Besondere an dem, was der Förderkreis Bundesfestung hier zeigen kann? Dazu muss man ein wenig in die Geschichte eintauchen:

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren die alten Anlagen der Bundesfestung völlig von der Entwicklung in der Geschütztechnik überholt gewesen. So musste man 1914 weit vor dem alten Fortgürtel eine neue, moderne Verteidigungslinie bauen. Die Bautechnik hatte den modernen Geschützen standzuhalten: Man errichtete betonierte Unterstände mit rund 1m Deckenstärke. Und schnell musste es gehen: verwendet wurden modulare Baupläne, die leicht an die Geländestrukturen angepasst werden konnten, sowie trickreiche Schalungstechniken mit verlorener Wellblechschalung.

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Sinn des Ausbaus war, bei einem möglichen Angriff auf Süddeutschland hinter den möglicherweise schnell überrannten Grenzfestungen ein zusätzliches Hindernis zu haben. Dieser Fall trat jedoch nicht ein und wurde angesichts des bald festgefahrenen Stellungskriegs auch sehr unwahrscheinlich. Daher wurde der Ausbau der Ulmer Festung schon einen Monat später wieder gestoppt - kurz vor der geplanten Fertigstellung wurden bereits die ersten Erdwerke wieder eingeebnet.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden die Anlagen vollends bedeutungslos. Großteils wieder übererdet verschwand die Armierungsstellung schnell wieder aus dem Landschaftsbild. Viele der einst über 100 Betonunterstände überdauerten bis 1946, wurden dann aber von den Alliierten gesprengt. Nur das, was damals übersehen oder aufgrund von Bedeutungslosigkeit verschont wurde, ist heute noch erhalten. Doch diese Reste sind absolut einzigartig: Alle anderen vergleichbaren Anlagen in Deutschland wurden vollständig beseitigt.

So ist der Stützpunkt 58 heute das einzige komplett erhaltene Festungswerk aus dieser Zeit in ganz Deutschland. Weitere Reste sind in Pfuhl oder auf Ulmer Seite vorhanden. Zusammen mit den älteren Teilen der Bundes- und Reichsfestung Ulm stehen diese Reste unter Denkmalschutz. Sie erinnern dabei nicht nur an eine bestimmte Epoche der Festungsbautechnik. Vielmehr sind sie die einzigen Objekte in Deutschland, an denen heute, 100 Jahre später, noch sichtbar ist, wie der Erste Weltkrieg in dieser Hinsicht "aussah". Ein Ort, an dem der Grabenkrieg in Ansätzen erahnbar wird.

Ergänzung vom 4.Mai 2014: Den Bericht des SWR finden Sie hier